Sport verbindet!Selin

Ich bin in der Nähe einer Hockeyanlage aufgewachsen. Meine Eltern hatten damals eigentlich nur die Intention, dass ich mich an der frischen Luft bewege. Also habe ich mit 4 Jahren dort angefangen Hockey zu spielen. Mein Bruder spielte auch und wir konnten mit dem Fahrrad zusammen mit Freunden zum Training fahren, das war sehr praktisch.

Relativ früh ging es mit einem sogenannten Talentzentrum los, zu dem ich eingeladen wurde. Daraufhin folgten etliche Sichtungen, bei denen man sich auf kurzen Lehrgängen beweisen muss. Die ersten NRW-Auswahlturniere starten mit U14 und U16 Mannschaften; ab der U16 kommt die Jugendnationalmannschaft hinzu, für die man erneut auf Sichtungen performen muss. Jugendnationalmannschaften gibt es in den Altersklassen U16, U18 und U21.

Ich habe die Auswahlmannschaften damals ziemlich schnell durchlaufen, sodass ich im jüngsten Jahrgang war und höchstens ein Jahr an der jeweiligen Station gespielt habe. Mein erstes A-Kader Länderspiel hatte ich mit 16 Jahren – was ziemlich früh ist. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Mein damaliger Trainer Jamison Mülders gab mir die Chance bei einem Testspiel gegen Großbritannien in Mannheim mitzuspielen. Die anderen Teamkollegen waren zu dem Zeitpunkt bedeutend älter als ich und das Spiel war unglaublich schnell und körperlich sehr herausfordernd für mich. Mein Trainer wollte mir damit zeigen, wie es aussieht, wenn man es bis ganz nach oben schafft. Ich war sehr dankbar für diese Erfahrung und das Hockey-Feuer in mir war entfacht. Ich wusste, was ich wollte und habe seitdem akribisch mein Ziel verfolgt, in den festen A-Kader zu kommen. Das hat auch ganz gut geklappt.

Aktuell befinden wir uns im olympischen Jahr. Der Fokus liegt daher also klar auf der Periodisierung Richtung Olympia im Juli/August. Ich trainiere gerade täglich und unsere Trainingsinhalte sind sehr sinnvoll auf die Woche verteilt. Morgens sind wir zum Beispiel in der Leichtathletikhalle und haben dort Sprinttraining, Sprintausdauer, Krafttraining etc. Für die Grundlagenausdauer sorgen wir selbstständig neben dem Training. Je nach Belastung mache ich Intervalle oder auch mal einen lockeren Shake Out Run. Dazu kommt dann natürlich noch das eigentliche Hockeytraining – oder auch Stocktraining genannt. Da geht es dann viel um Technik, Spielformen und Standards.

Besonders bei den morgendlichen Einheiten um 7 Uhr bin ich froh im Team zu trainieren. So teilt man sein Schicksal früh aufzustehen, um sich morgens zu quälen und kann sich gegenseitig motivieren. Ich bin dennoch sehr pflichtbewusst und diszipliniert, weshalb ich meine Einheiten auch bei fehlender Motivation durchziehe. Eine große Hilfe ist es sich dabei das große Ganze vor Augen zu führen und sich zu überlegen „Wofür mache ich das?“. Und nach der Trainingseinheit geht es einem ja in der Regel immer besser und man kann stolz auf sich sein, dass man es durchgezogen hat. Bei langen Läufen hilft mir auf jeden Fall auch immer gute Musik, um motiviert zu bleiben!

Ernährung spielt für mich im Zusammenhang mit meiner Leistung eine große Rolle. Die richtige Ernährung kann sich außerdem durchaus leistungssteigernd auswirken.

Ich habe 2016 eine heftige anaphylaktische Reaktion durchlebt und muss mich seitdem weizenfrei ernähren. Man nennt das eine Weizensensitivität. Am Anfang war es wirklich nicht einfach, aber wenn man sich ein wenig eingefuchst hat, findet man viele Alternativen.

Mich vegetarisch oder sogar vegan zu ernähren, habe ich auch mal überlegt, aber im Endeffekt bin ich der Meinung, dass man extremen Verzicht, wenn nicht medizinisch verordnet, vermeiden sollte. Man kann trotzdem darauf achten, nicht allzu viel Fleisch zu sich zu nehmen und wenn doch, dann Fleisch aus ordentlicher Tierhaltung und Verarbeitung.Was den Sport betrifft, ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung auf jeden Fall sehr wichtig.

Ich freue mich schon riesig auf die Olympischen Spiele dieses Jahr. Jedes Mal, wenn ich an meine ersten Olympischen Spiele denke oder davon erzähle, muss ich anfangen zu grinsen. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen, als wir bei der Eröffnungszeremonie kurz vor dem Einlaufen in das Stadium im Tunnel standen und das gesamte Team Deutschland die Nationalhymne gesungen hat. Das war ein unfassbarer Gänsehaut-Moment. Schulter an Schulter, schallend in dem Tunnel…

Besonders cool war auch, dass wir mehr oder weniger als Underdog nach Rio gefahren sind und am Ende mit einer Bronzemedaille nach Hause kamen. Damit hätte wirklich niemand gerechnet. Wir sind im Turnierverlauf alle über uns hinausgewachsen. Das war unfassbar. Und auf dem Treppchen war es ebenfalls ein Moment, in dem ich aus dem Grinsen nicht mehr herauskam. Ich hatte einfach dauerhaft Muskelkater in der Wangenmuskulatur vom ganzen Lachen.

Mittlerweile könnte ich mir ein Leben ohne Hockey gar nicht mehr vorstellen. Weil ich so jung angefangen habe zu spielen, war es schon immer ein Lebensinhalt, für den ich alles gegeben habe. Natürlich sind dabei andere Dinge auch auf der Strecke geblieben. Aber Prioritäten setzen gehört dazu, um erfolgreich zu sein. Hockey ist ein, wie ich finde, sehr attraktiver Sport. Insbesondere für Mädels. Sehr dynamisch, technisch anspruchsvoll und schnell. Außerdem ist es ein Mannschaftssport und sehr familiär. Durch den Sport haben sich fast alle meiner wirklich engen Freundschaften entwickelt. Sport verbindet! Und sich gemeinsam zu verbessern und etwas zu erreichen, gibt mir ein unbeschreibliches Gefühl.

Die Wochenenden habe ich meist auf dem Platz verbracht und habe mich mit meinen Freunden zum Hockey getroffen. Ich wollte ganz nach oben und habe dafür sehr viel Zeit und Energie investiert. Für mich persönlich hat mich der Sport viel Disziplin und Strukturiertheit gelehrt. Mir gezeigt zu was ich in der Lage bin, wenn ich etwas mit Leidenschaft angehe und durchziehe, mich durchkämpfe. Ich habe aber auch gelernt, wer in meinem Leben wirklich hinter mir steht und mir meine Erfolge gönnt und anerkennt – und wer nicht.

Nebenher studiere ich noch Medizin. Alles unter einen Hut zu bekommen ist wirklich nicht einfach. Besonders weil es im Medizinstudium, anders als bei quasi allen anderen NC-behafteten Studiengängen, keine Leistungssportlerquote gibt. So gibt es auch kein Verständnis für Fehlzeiten. Es hieß immer: Medizin oder Sport. Ich wollte im Studium nie etwas geschenkt haben, vielleicht mal einen Kurs tauschen, maximal. Ich denke, da haben die medizinischen Fakultäten an staatlichen Unis definitiv noch etwas aufzuholen.

Aktuell schreibe ich meine Doktorarbeit und komme nach den Olympischen Spielen in Tokyo dann ins vierte Jahr. Ein Semester zu belegen, ist aufgrund der olympischen Vorbereitung aktuell zeitlich nicht möglich. Aber das ist okay, weil mein Fokus dieses Jahr definitiv auf Olympia liegt.

Der Spagat zwischen Uni und Sport ist schwierig, aber möglich. So wie alles, wenn man es wirklich will und bereit ist dafür alles zu geben. Ich denke, dass Leistungssportler mit ihren ausdauernden, ehrgeizigen Fähigkeiten sehr gute Ärzte werden können.