Das zweite Kapitel aka. der „normale“ WegKevin

Zurück in Berlin: Deswegen bin ich zurück nach Berlin zum SV Babelsberg in die Regionalliga. Da hatte ich ein sehr gutes Jahr. Eine Mannschaft mit vielen erwachsenen gestandenen Spielern. Zwei unvergessliche Erlebnisse hier waren das DFB-Pokalspiel gegen die erste Mannschaft des SC Freiburg. Ich glaube da waren etwa 8000 Zuschauer. Stimmung super. Ich durfte spielen. Ich hab einen 11-Meter verschuldet. Trotz all dem: Ein enormes Erlebnis.

Mein allerletztes Spiel? Das Brandenburg-Derby gegen Cottbus. Es war extrem emotionsgeladen. Politische Diskrepanzen zwischen den Vereinen. Wir waren der Außenseiter, haben aber zu Hause  gespielt und 2:1 gewonnen. Das war mein allerletztes Spiel. Im nächsten Jahr habe ich erstmal Abstand genommen. Ich bin nicht mehr ins Stadion. Also ich war nie komplett raus. Meine besten Freunde, die habe ich durch den Fußball kennengelernt und die spielen auch immer noch alle Fußball.

Das zweite Kapitel aka. der „normale“ Weg: Im zweiten Jahr bei Babelsberg wurde mir klar, dass diese Wahrscheinlichkeit Profi zu werden und in dem hoch bezahlten Bereich zu landen immer geringer wurde. Ich war 21/22, also die Möglichkeit war immer noch da. Aber sie wurde einfach immer kleiner. Seit ich 14 war ging es für mich darum: „Sei der beste! Du musst gewinnen! Du musst Profi werden!“ Bei mir war es weniger nur der Spaß, es war eben auch ein Beruf. Und ich habe gesehen, dass ich in diesem Beruf wahrscheinlich nicht mehr vorankommen werde. Also habe ich mir gesagt: “Ok, deinen Traum hast du zu 80-85% erfüllt. Das hakst du  jetzt ab, saugst die Erfahrung nochmal auf. Und fängst eben jetzt das zweite Kapitel an.“

Das echte Leben: Diese Fußballwelt ist eben so eine Welt für sich. Du kannst riesiges Geld verdienen und es gibt auch Existenzen, die daran scheitern. Und ich hatte keine Lust darauf, dass meine Existenz daran scheitert. Gleichzeitig bekam ich ein ganz cooles Jobangebot. Das hat es mir auch leichter gemacht. Mittlerweile habe ich über den Weg eines Personaltrainers den Schritt zum Vertriebler und Marketing-Spezialisten im Sport- und Fitnessbereich gemacht. Ich bin also immer noch im Leistungssport aktiv nur eben nicht als Sportler. Wir sponsern den Olympiastützpunkt. Wir beraten Bundesliga-Spieler, Bundesliga-Schiedsrichter, all solche Dinge.

Das war immer ein Thema: der Verzicht. Es gab nie einen Abschnitt in meinem Leben ohne Sport. Sport ist Teil meines Lebens, wenn nicht sogar mein Leben. Ich brauche das einfach für mich. Sowohl körperlich als auch seelisch. Wenn ich viel Sport mache, ist mein komplettes Leben strukturierter. Also ich erlebe mich besser, ich gehe weniger weg. Auch in der Jugend. Also ich habe auf viel verzichtet. Ich konnte weniger Urlaub machen, konnte weniger weggehen als alle Anderen und das alles für den Sport.

Dieser Sport ist einfach so tief bei mir drin und den will ich auch nicht rauslassen. Mir geht’s nicht darum, dass ich 180kg Bankdrücken machen kann, sondern ich will ein Athlet sein. Ich habe keine Lust, daherzukommen und das aufgepumpte Vieh zu sein, das sich aber nicht mehr bewegen kann. Ich will einen athletischen Körper haben, der jederzeit im Leistungssport Fuß fassen könnte.