Mein Sport ist ein PrivilegMarcus

Sie brüllen deinen Namen, Jubeln und Feiern! Ich lasse mich den Berg hinauf tragen, denn in diesem Moment fühlt man keine Anstrengung mehr. Gänsehaut!

Es ist dieser Tag auf den ich monatelang hinarbeite. Mein Höhepunkt im Saisonkalender: Die Challenge Roth. Eines der größten Triathlon-Events der Welt. Zuerst 3,8 Kilometer Schwimmen im Main-Donau-Kanal. An dessen Ufer stehen morgens um halb sieben schon tausende Zuschauer. Dann geht es auf’s Rad. Kurz vor dem Solarer Berg kommt die Anspannung. Nicht aus Angst vor der Steigung. Es ist Vorfreude auf den berühmtesten Anstieg in der Triathlonwelt. Etwa  50.000 Menschen stehen Spalier – wie bei der Tour de France. Sie brüllen deinen Namen, Jubeln und Feiern! Ich lasse mich den Berg hinauf tragen, denn in diesem Moment fühlt man keine Anstrengung mehr. Gänsehaut! 

Mein Name ist Marcus Wöllner. Gerade habe ich mein Staatsexamen absolviert. Sport und Biologie auf Lehramt. Und: Ich bin professioneller Triathlet. Gut 20 Stunden pro Woche trainiere ich jetzt. Im Sommer werden es dann locker 30 Stunden. Nebenher gebe ich Stunden als Fitness- und Schwimmtrainer. 

Als Kind habe ich lange Fußball gespielt. Aber das war nicht Alles. Mein Vater hat mich immer animiert, andere Sachen auszuprobieren. Ich kann mich gut erinnern, dass wir zusammen Laufen waren – später auch Radfahren. Damals merkte ich schnell, dass ich eine gute Ausdauer habe. Deshalb war die Entscheidung mit 14 klar: Ab jetzt fokussiere ich mich auf Radsport. 

2008 erlitt ich einen Rückschlag. Eine Verletzung am Knie. Ich konnte fast nichts mehr machen. Außer Schwimmen. Also hieß es für mich: Ab in’s Hallenbad. Nach den ersten 25 Meter Kraulschwimmen musste ich eine Pause machen. Aber mit jeder Einheit schaffte ich etwas mehr Strecke. Heute – zehn Jahre später – ist Schwimmen meine stärkste Disziplin. 

Aktuell coache ich mich selbst. Das ist hart, aber der Ansatz geht auf: Im letzten Jahr habe ich einen großen Sprung gemacht. Trotzdem denke ich über Veränderungen nach. Manchmal brauche ich jemanden, der mich bremst. Denn als Triathlet besteht immer die Gefahr, zu viel zu machen. Dann denkt man: „Die Anderen trainieren mehr, deswegen muss ich auch noch zulegen!“ Doch vor den Wettkämpfen ist es wichtig, den Trainingsumfang zu reduzieren.

So viel Zeit für Triathlon zu investieren ist für mich ein Privileg! Die meisten Tage freue ich mich das zu tun, was ich am liebsten mache. Doch manchmal fällt es mir auch schwer, mich für das geplante Training zu motivieren. Aber auch das gehört dazu. Auch wenn man Profisportler ist.

Und natürlich habe ich auch Träume: Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann zur Ironman Weltmeisterschaft nach Hawaii. Aber ich versuche realistisch zu bleiben. Was meine Ziele angeht, denke ich von Jahr zu Jahr. Meine Bestzeit für die Langdistanz beträgt acht Stunden und 38 Minuten. Im nächsten Jahr will ich acht Stunden und 20 anvisieren – und eine Top-10-Platzierung bei der Challenge Roth. Dafür werde ich hart trainieren – und eine Sache immer vor Augen haben: Den Gänsehautmoment am Solarer Berg!