Ich will abheben!Florian

Im nächsten Moment schieße ich fast senkrecht nach oben. Für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen.
Meine Hände haben das Segel fest im Griff.

Es ist einer dieser rauen Oktobertage. Ich stehe am Strand und lasse meinen Blick wandern.
Die Windbedingungen sind heute perfekt.
Immer wieder muss ich meine Augen zusammenkneifen, weil mir die Sandkörner ins Gesicht fliegen. Ich schnappe mir mein Surfbrett und das Segel. Dann laufe ich Richtung Wasser.

An diesem Tag sind keine Badegäste mehr zu sehen. Die Urlaubssaison ist vorbei. Der Strand, das Wasser, die Wellen: Heute ist das hier unser Revier. Das Revier der Windsurfer.
Mit acht Jahren nahm mich mein Vater zum ersten Mal mit ins Surfcamp an die Ostsee. Von da an kam ich jedes Jahr wieder. Egal wo ich lebe, das Meer ist inzwischen meine zweite Heimat geworden.

Ich lege das Brett ab, rolle das Segel aus.
Über die folgenden Handgriffe muss ich nicht lange nachdenken. Es läuft ganz automatisch. Segel, Mast, Gabelbaum, Surfbrett – wenige Momente später ist das Equipment einsatzbereit. Manchmal arbeite ich neben meinem Sportstudium auch als Surflehrer. Dann fahre ich mit Gruppen an die Ostsee. Für mich ist das aber keine Arbeit.
Es ist mehr wie Urlaub. Urlaub, für den ich bezahlt werde.
Aber heute gebe ich keinen Unterricht. Heute surfe ich nur für mich.

Ich gehe ins kühle Wasser. Mein Neoprenanzug hält mich warm.
Schon nach einigen Schritten kann ich spüren, wie stark die Wellen gehen. Ich führe das Brett an die richtige Position, umgreife fest den Gabelbaum am Segel und steige auf – Let’s go!
Es ist der Kick, wegen dem ich immer wieder auf dieses wacklige Brett steige – bei Wind und bei Kälte. Es ist eben nicht die Zeit im Hochsommer, bei 30 Grad, sondern gerade dann, wenn’s windig und kühler ist, so wie heute im Oktober.

Bei stärkerem Wind erzeugt das Segel mehr Druck.
Die Geschwindigkeit nimmt zu und das Brett hebt sich dann wie bei einem Speedboot aus dem Wasser. Dieses Gefühl ist einfach mit nichts zu vergleichen!
Heute geht es aber nicht nur um die Geschwindigkeit. Dafür sind die Wellen einfach zu perfekt. Heute will ich abheben!

Ich ziehe das Segel noch näher an mich ran, baue mehr Druck auf.
Zuerst nehme ich ein paar kleinere Wellen:
Anfahren, abheben und landen.
Mit jedem mal fühle ich mich etwas sicherer. Deswegen traue ich mich an die Größeren heran.

Fokussieren. Die Welle Anfahren.
Im nächsten Moment schieße ich fast senkrecht nach oben. Für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen. Meine Hände haben das Segel fest im Griff. Am höchsten Punkt reiße ich das Brett herum und lande wieder im schäumenden Wasser der sich brechenden Welle.
Es ist genau dieser Moment, wegen dem ich immer und immer wieder aufs Brett steige.
Genau diese Augenblicke, an die man sich immer wieder erinnert.

Nach der Session stehe ich noch eine Weile da und blicke zurück auf das Meer.
Der raue Oktobertag geht zu Ende.
„Ja, das ist wirklich mein zweites Zuhause“, denke ich mir und räume das Brett ins Auto.