Erinnerst du dich noch an früher, wenn du gerannt bist?Fritz

Egal wie schnell ich war, es fühlte sich immer an wie fliegen.

Auch heute ist Sprinten eines der besten Gefühle für mich. 100 Meter rennen… so schnell wie ich kann. Das gibt mir jedes Mal ein großartiges Gefühl. Ich weiß, ich bin nicht der Schnellste, aber es fühlt sich in diesem Moment so an.

Als Kind habe ich mich an Feldhockey, Tennis und Fußball probiert. Am Ende bin ich, wie die meisten, beim Fußball hängengeblieben. Bis ich 14 Jahre alt war, bin ich dem runden Ball als eher durchschnittlicher Spieler hinterhergejagt.

Nachdem ich akzeptiert hatte, dass der Sport mich nicht erfüllt, habe ich es nochmal mit Tennis probiert. Eine gute Alternative aber immer noch kein Sport, in dem ich aufgegangen bin oder mich richtig wohlgefühlt habe.

Eines Tages bekam ich vor meiner Schule einen Flyer für ein neues Jugend-Team im Rugby in die Hand gedrückt. Rugby: ein Sport, den ich durch meine irische Mutter und durch den neuen Freund meiner Schwester kannte, für mich (sehr dünn und schmächtig) aber nie in Erwägung gezogen hätte. Irgendwie hat es mich dann aber doch gereizt und ich bin mit einem Schulfreund zum Probetraining gegangen.

Wir waren nur sieben Jungs. Das war mir egal. Vom ersten Moment an wusste ich, dass ich endlich den richtigen Sport für mich gefunden habe. Trotz meiner körperlichen Unterlegenheit konnte ich mich gegenüber den anderen durchsetzen, meinen Kopf ausschalten und mit 100% in den Kontakt gehen.

Das Team wuchs nur langsam und bei den meisten Trainings waren wir nie mehr als sieben Spieler. Dafür genossen wir jede Minute auf dem Platz als Freunde. Es dauerte ein Jahr bis wir unser erstes Spiel/Turnier hatten. Ich hatte die Ehre als Kapitän nominiert zu werden. Ein Amt, das ich behielt, bis ich Bremen ein paar Jahre später verließ. Das Turnier war hart. Jedes Spiel haben wir haushoch verloren. Aber das war uns egal. Wir hatten den Spaß unseres Lebens und es zeigte uns, dass es sich gelohnt hatte auf das erste Spiel zu warten.

Von da an bekamen wir mehr Spieler und konnten in einen regelmäßigen Ligabetrieb wechseln.

Eines der schönsten Erlebnisse mit dem Sport war für mich der Moment, als ich das erste Mal auf dem Rugbyfeld mit dem Ball in der Hand über das Feld sprintete. Es war so ein gutes Gefühl endlich einen Team-Sport gefunden zu haben, der mir so viel Spaß macht und ich dabei das Spielfeld mit meinen besten Freunden teilen konnte.

Wäre Rugby nicht gewesen hätte ich damals definitiv eine Therapie gebraucht.

Ich war schon immer ein schüchterner, introvertierter Junge mit depressiven Zügen. Die Depressionen liegen leider in der Familie.  Aber der Sport und das Team haben mich verändert. Ich wurde selbstbewusster, offen und glücklicher.

Nachdem ich mit der Schule fertig war, absolvierte ich ein Freiwilliges Soziales Jahr bei meinem Verein und unterrichtete Rugby an Bremer Schulen, um den Sport bekannter zu machen. Als ich Bremen verließ, hatte sich die Mitgliederzahl in der Rugbysparte mehr als vervierfacht.

Ein paar Monate in Australien und Neuseeland und ein paar Ereignisse dort, die meine Depression wieder triggerten, führten dazu, dass ich kaum Sport machte. Als ich wieder in Deutschland war und mein Studium in Hamburg begann, versuchte ich Rugby in den Hamburger Vereinen zu spielen. Leider kam ich nie wirklich an, da ich mich durch meine Depressionen den Teams nicht richtig öffnete.

Seitdem fing ich immer mal wieder mit Sport an, aber hörte immer wieder auf, es war ein auf und ab. Meine Arbeit ging immer vor und ich legte den Fokus falsch. Während der Theoriephasen meines dualen Studiums hatte ich es zwar zurück in den Bundesliga-Kader vom Hamburger Rugby Club geschafft, allerdings hörte ich schnell wieder auf, sobald meine Praxisphase im Unternehmen losging.

2017 bin ich dann das erste Mal zum Sprinttraining der Under Armour Running Society Hamburg gegangen und habe dort die Liebe für das Laufen wiederentdeckt. Jede Crew hat ihren eigenen Charme, aber es dreht sich bei allen hauptsächlich um die Community. Bei den Läufen geht es auch meist nicht darum an seine Grenzen zu gehen, sondern gemeinsam mit den Leuten, die oft auch Lauf-Nerds sind, einfach zu laufen. Für mich ist das eine schöne Abwechslung zu meinem Training, das ich meist alleine mache und bei dem es immer darum geht an die Grenzen zu gehen. Bewusster laufen, neue Strecken entdecken und Leute kennenlernen, die so verrückt sind, wie man selbst. Tatsächlich haben sich einige Freundschaften durch das Laufen mit Run-Fleet oder den Tide Runners aus Hamburg ergeben, für die ich sehr dankbar bin.

Mir wurde meine größte Stärke in allen Sportarten bewusst: das Laufen.

Auch untrainiert konnte ich schneller und länger laufen als die meisten. Es hat immer die Frage in mir aufgebracht, wie schnell ich sein könnte, wenn ich das Laufen mal richtig trainieren würde. In der darauffolgenden Zeit hörte meine sportliche Unruhe leider nicht auf, es blieb ein Auf und Ab. Parallel dazu wurden auch meine Depressionen immer stärker, bis es zum absoluten Tiefpunkt Ende 2018 kam. Suizidale Gedanken begleiteten mich schon länger. Aber noch nie war es so wie zu diesem Zeitpunkt. Neben den dunklen Gedanken verschwand auch die Sicherheit und feste Absicht es trotzdem nie zu tun.

Zum Glück entschied ich mich zu kämpfen und es der Depression nicht so einfach zu machen. Ich kam zuerst in eine Psychiatrie in Hamburg, wo ich neue Medikamente bekam, mit guten Therapeuten arbeiten konnte, tolle Menschen kennenlernte, die auch mit sich kämpften und wir bekamen ein gutes Sportangebot mit lebensfrohen Studenten. Sobald ich nach eineinhalb Monaten stabilisiert war, kam ich in eine psychosomatische Klinik nach Bad Arolsen. Dort arbeitete ich weiter an mir. Das Sportangebot entsprach hier nicht meinen Vorstellungen, aber ich war mittlerweile so stark, dass ich mich selber motivieren konnte 4-5-mal die Woche zu trainieren. Von den anderen Patienten bekam ich sehr motivierendes Feedback. Sie waren fasziniert, wie viel Energie ich hatte und bis zum Ende meines Aufenthalts hatte ich eine kleine Trainingsgruppe. Ich konnte andere Menschen inspirieren und motivieren sich zu bewegen. Leider war ich psychisch noch nicht so stark wie körperlich, was zu einem “Kurzschluss” kurz vor meiner Entlassung führte. Mir wurde die Option gegeben, freiwillig meine Sachen zu packen oder mit Hilfe. Ich musste in die geschlossene Klinik nach Haina verlegt werden. Das war eine ganz andere Welt. Für mich war es ein kleiner Weckruf und vielleicht das Beste, was mir in dem Moment hätte passieren können. Ich bekam dort keine wirkliche Therapie und musste alles mit mir selbst ausmachen. Und es gab doch eine Therapie, die ich auch alleine machen konnte: Sport. Zuerst in meinem Zimmer. Später im Innenhof, als ich Ausgang erhielt. Das Beste: Auch hier, wo die Patienten ein ganz anderes Level waren, konnte ich andere motivieren sich zu bewegen.

Nachdem ich entlassen wurde, fing ich mit einer Magnetstimulations-Therapie (rTMS) an. Die moderne “Elektroschock-Therapie”. Die Idee davon ist, dass das Gehirn einen “Reset” bekommt. Und das löste den letzten Knoten in meinem Kopf. Langsam suchte ich auch wieder nach Möglichkeiten, wie ich zurück in die Arbeitswelt kommen könnte. Beinahe hätte ich wieder einen Job in einer Werbeagentur angenommen, einfach um eine Aufgabe zu haben. Für meine Gesundheit wäre das aber vermutlich kein guter Schritt gewesen.

Dann postete Imke, die ich von der Running Society kannte, die Run Ambassador Stellenausschreibung für Under Armour. Ich verfiel erst in alte Muster und dachte “Du bist nicht gut genug”. Ich konnte mich aber dann doch dazu durchringen eine Bewerbung abzuschicken. Und es hat geklappt.

Für mich ist es eine ganz neue Welt, als Jobauftrag jede Woche laufen zu gehen, von Sportlern umgeben zu sein, die die gleiche Leidenschaft teilen und Menschen dazu zu motivieren sich zu bewegen. Zusätzlich bekam ich die Chance auch meinen eigenen Fokus aufs Laufen zu legen. Während der letzten Monate habe ich zwar nicht gezielt auf Läufe hintrainiert, aber mich immer wieder spontan und nur Minuten vor dem Wettkampf für Läufe angemeldet, wenn es sich mit meinem psychischen Stand vereinbaren ließ. Das Ergebnis: bei fast allen Läufen kam ich unter die Top 10 und gewann sogar ein Rennen.

Sobald ich Sport mache, bin ich in meiner Welt.

Meine Gedanken werden klarer und es geht nur noch um die nächste Wiederholung, den nächsten Schritt. Auch wenn mein Kopf vielleicht nicht ganz “gesund” ist, beim Sport fühlt er sich stark an und lässt mich durchhalten.  Ich war noch nie der stärkste, schnellste oder talentierteste Sportler, aber ich hatte schon immer einen sturen Kopf, durch den ich überraschende Leistungen abrufen konnte.

In der bisher schlimmsten Phase meiner Depression habe ich mich aufgrund von Suizidgefahr in eine Klinik eingewiesen. Ich hatte keinen Ausgang und war durch Medikamente narkotisiert. Und trotzdem konnte ich mich noch auf das Ergo-Rad auf der Station setzen und mich zum Schwitzen bringen. Denn der Sport hielt mich am Leben. Tatsächlich konnte ich dann auch das erste Mal wieder richtig Lachen beim Sport: Tischtennis mit den Mitpatienten. Als ich dann die Sportkurse der Klinik nutzen konnte, stellte ich fest, dass ich am meisten Power hatte und zu meiner Überraschung konnte ich andere Patienten auch mitziehen und motivieren und das fühlte sich gut an.

Laufen ist für mich immer ein Kampf. Aber ein guter. Nicht nur körperlich, sondern auch mental. Es zeigt mir immer wieder, dass mein Kopf doch stärker ist, als ich es mir oft einrede. Vermutlich ist genau deswegen Ausdauer-Sport eine oft empfohlene Therapie gegen Depressionen. Es beweist, wozu man doch fähig ist. Die Zeit ist dabei egal, das Ziel erreichen ist das Wichtigste.

Immer wenn ich laufe habe ich das Gefühl schnell zu sein. Das liebe ich und deshalb laufe ich. Besonders beim Sprinten auf der Bahn, sobald ich so schnell laufe, wie ich nur kann, spüre ich meinen ganzen Körper und fühle mich wie der schnellste Mensch der Welt. Ich trage bei den meisten Läufen auch keine Uhr, da ich sonst immer prüfen würde, ob ich auch wirklich schnell bin.

Ich bin gespannt, wo meine Beine mich noch hintragen werden.