Du siehst dich aus einer ganz anderen PerspektiveGideon

Ein guter Schlag in die Fresse. Dieser erste Kampf war ziemlich intensiv und sehr emotional. Ich hatte die die ersten beiden Runden ganz klar gewonnen. Eigentlich war schon alles klar. In der dritten Runde bin ich dann kurz auf den Boden gegangen, weil mich der Gegner eben gut erwischt hat. Ich bin sofort wieder aufgestanden und war richtig heiß, genauso hart dagegen zu arbeiten. Und dann bricht der Ringrichter den Kampf ab. Du bist mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Körper dabei und dann bricht jemand den Kampf ab. Das war schon ein guter Schlag in die Fresse, muss man so sagen. Aber ich hab mich davon nicht abbringen lassen. Es war eine gute Lektion. Mit der Zeit hab ich eben die Erfahrung gemacht, dass hier auch viel Korruption eine Rolle spielt. Und dass man sich nicht unbedingt einen Kopf machen muss, wenn man Kämpfe wegen schlechten Ringrichtern verliert.

Der Unterschied, der einen Unterschied macht.  Boxen ist für mich das intensivste, beste  und ein sehr gesundes Training. Was ich am meisten daran schätze ist: Die Balance zwischen Kondition, Kraft, Explosivität und dieser mentale Fokus. Weil Boxer sehr viel laufen, sehr viel Seilspringen. Du aber trotzdem immer wieder deine Kraft trainieren musst, du konstant auf deine Ernährung achten musst, konstant in sehr sehr ausgewogenem Zustand sein musst.

Ich hab auch schon immer wieder gemerkt, dass ich sehr sehr fit war, im Vergleich zu Leuten, die irgendwas anderes gemacht haben, auch im Vergleich zum Basketball damals. Aber nicht nur die körperliche Fitness, sondern auch die Körperästhetik beim Boxen hat einen krassen Einfluss auf einen. Wenn man sich damals Mike Tyson angeschaut hat. Das ist einfach von einem ganz anderen Stern.

Abseits des Rings Und was Boxen noch so abseits des Rings mit sich bringt ist, dass Leute dich ganz anders wahrnehmen. Ich hab zum Beispiel gemerkt, dass beispielsweise  Rassismus-Thematiken überhaupt keine Rolle spielen. Also im Ring nicht, im Verein nicht, da spielt es einfach keine Rolle. Ich hatte das Glück, dass ich sehr behütet aufgewachsen bin und glücklicherweise nie das Problem hatte, dass ich irgendwie mit Rassismus zu kämpfen hatte. Gleichzeitig glaube ich auch, dass ich durch das Boxen quasi vorgebeugt habe. Als ich aufs Gymnasium gekommen bin zum Beispiel. Ich hab das Gefühl, ich war eher ein Außenseiter, weil ich auch nicht unbedingt das Interesse hatte mit den Leuten meines Gymnasiums viel Zeit zu verbringen außerdem habe ich das Gefühl, dass mir niemand auf die Füße getreten ist, weil jeder wusste „ Ok, der ist Boxer, der ist Berliner Meister, mit dem leg ich mich nicht an“. Wie ich das finde, ist im Endeffekt egal, aber ich glaube, dass es schon so seinen Einfluss darauf hatte.

Du siehst dich von außen und lernst aus deinen eigenen Fehlern und beim Boxen ist der Fokus eben nochmal ganz anders. Weil jeder Fehler den du machst, wird  mit einem Schlag ins Gesicht bestraft. Es ist dieser Zustand, der besonders Spaß macht und sehr krass ist. Wenn du deine eigene Entwicklung betrachtest. Du guckst dir Videos an von Deinem ersten Kampf, du guckst dir Videos an von deinem zweiten Kampf. Du siehst dich von außen, du siehst dich aus einer ganz anderen Perspektive und du lernst aus deinen eigenen Fehlern.