Das ist so eine Story mit dem Laufen und mirMari

Perfektes Laufwetter gibt es für mich nicht…

Ich laufe am liebsten, wenn andere vermutlich zu Hause bleiben würden, wenn der Himmel wütend ist und Wind und Regen dir in der Dunkelheit ins Gesicht peitschen und ich weiß, ich bin vermutlich der einzige Mensch da draußen gerade. Dann empfinde und erlebe ich am intensivsten. Das sind die Läufe an die ich mich oft erinnere. Ich spüre in diesen Momenten am meisten, dass ich am Leben bin und wie wild glücklich mich dieses Leben machen kann.

Angefangen hat eigentlich alles mit dem Turnen und Akrobatik. Das habe ich bis ich 19 Jahre alt war gemacht. Ich war auch immer sehr ehrgeizig, kam aber mit meiner Trainerin und dem Team nicht so klar. Zum abreagieren bin ich dann oft beim Auf- und Abwärmen mit meinen Ballettschläppchen um die Halle gelaufen. Also hab ich, nachdem ich mit dem Turnen aufgehört habe, einfach mit dem Laufen weitergemacht. Anfangs noch mit einfachen H&M Stoffschuhen. Ich hatte keine Ahnung vom Laufen und wusste auch nicht, dass das ein Sport neben dem Coupertest ist.

„Wollen wir am Sonntag beim Berlin Marathon mitlaufen?“…

fragte mich eine Freundin, die selbst viel lief, damals. „Es sind ja nur 15km.“. Ich war zu dem Zeitpunkt schonmal 10k gelaufen und dachte mir, dass ich das schon hinbekommen werde. Offensichtlich war mir 2009 noch nicht klar, wie lang ein Marathon eigentlich ist.

An dem Sonntag sind wir dann ab der Siegessäule die Strecke ohne Startnummer einfach mitgelaufen. Es hat so viel Spaß gemacht. Die Leute, die Stimmung, der Flair – das hat mich total gefesselt. Ich weiß noch, dass wir bei 21k durchkamen und ein Typ uns von der Seite zurief: „Way to go girls, halfway done!“. In diesem Moment wurde mir klar, dass ein Marathon 42 Kilometer lang ist. Ungläubig drehte ich mich zu meiner Freundin um und hab sie gefragt ob sie spinnt. Sie hatte selbst nicht vor alles zu laufen und wollte mich so überreden mitzukommen. Wir haben an dem Tag aber tatsächlich gefinished. Zwar sind wir natürlich nicht richtig ins Ziel gelaufen, da wir ja nicht offiziell dabei waren aber das Erlebnis war unglaublich. Wenn sie ein Low hatte, hatte ich ein High und umgekehrt und so haben wir uns die ganze Zeit gegenseitig gezogen.

Mein erster offizieller Zieleinlauf ein Jahr später war krass. Meine Uhr fiel ab Kilometer 5 aus, weshalb ich nur nach Gefühl lief. Erst bei Kilometer 40 habe ich gemerkt, dass ich viel schneller war als ich dachte und fühlte mich zu diesem Zeitpunkt unfassbar gut. Beim Zieleinlauf hab ich definitiv geheult. Da kam eine Menge Erleichterung, Überraschung und Freude zusammen und auch der ganze Druck, der abfiel, den ich mir gemacht hatte.

Danach hab ich das Laufen irgendwie ein wenig aus den Augen verloren. Ich hab ein FSJ in Bolivien gemacht, Bikram Yoga entdeckt und bis 2015 sogar fast aufgehört. Dann habe ich wieder angefangen.

Das ist so eine Story mit dem Laufen und mir: immer, wenn ich es versucht habe, wirklich loszulassen, kam es irgendwie zurück.

Ich hab das Laufen von Anfang an geliebt, dafür, wie es sich anfühlt. Wie leicht und stark und frei ich mich dabei fühle. Aber ich habe immer gesagt bekommen, ich sei nicht für das Laufen gemacht, ich sei zu schwer und muskulös dafür und würde nie eine schnelle Läuferin werden. Damals konnte ich noch nicht so gut mit den Meinungen anderer Menschen umgehen und ich kannte kaum andere Läufer, sodass ich wenig Vergleich hatte. Und gesagt zu bekommen, dass du für den Sport, den du unfassbar lieben gelernt hast, nicht gemacht bist und niemals „gut“ darin wirst, hat mich entmutigt. Jeder Rückschlag war damals für mich die Bestätigung, dass die alle Recht haben. Und ich hab damals sehr viele Rückschläge kassiert.

Ich mache Dinge entweder mit ganzem Herzen oder gar nicht. Und das Laufen einfach nur halb zu machen, hat mich eher gequält. Deshalb hab ich’s dann immer wieder aufgegeben.

Ich habe manchmal das Gefühl, das Laufen hat mich gefunden und nicht ich das Laufen.

Und dass es aus einem Grund passiert ist. Und solange ich dieses Gefühl habe und den Prozess genieße, meine Grenzen auszutesten, werde ich weiterlaufen. Ich tue das, weil ich es liebe. Und weil ich glaube, dass vielen Menschen, insbesondere Frauen, gesagt wird, sie seien für irgendwas nicht „…. genug“ – nicht gut genug, nicht klug genug, nicht dünn genug, nicht muskulös genug…. Denen möchte ich zeigen: Das stimmt nicht. Society has it wrong, not you.

Laufen ist für mich Atmen. Es gibt mir Freiheit und Selbstvertrauen, lässt mich träumen und kreativ sein, täglich. Und wenn ich es nicht täglich mache, dann fehlt mir genau das.

Ich hatte 2017 mit vielen Verletzungen, Übertraining etc. zu kämpfen und musste mich immer wieder zurückkämpfen nur um den nächsten Rückschlag zu erleben. Aufgezwängte Sportpausen sind manchmal schwierig, gerade im Leistungssport, wo Verletzungen und Ruhepausen dazu gehören. Das ist meine größte Herausforderung grade: ein gesunder Mensch zu bleiben, auch wenn ich nicht laufen kann. Mir persönlich haben immer zwei Dinge geholfen, wenn ich lange verletzt war: 1. Mich ständig daran zu erinnern, dass ich bald wieder laufen darf, dass es nur eine Phase ist und ich mit dieser Zeit etwas Sinnvolles anfangen möchte. Und 2. beschäftigt zu bleiben. Mir hat es geholfen, meine Zeit, die ich vorher ins Laufen investiert habe, in andere Dinge zu investieren – andere Sportarten, die ich tun kann oder andere Tätigkeiten / Themen, falls ich gar keinen Sport machen darf. Ich setze gern alles auf eine Karte – aber das heißt auch, dass ich mich ständig daran erinnern muss, dass es andere viel wichtigere Themen und Dinge als Laufen gibt, mit denen wir uns beschäftigen können und sollten. Real Talk: nach einer Verletzung wieder anzufangen, insbesondere wenn man gar keinen Sport machen durfte, ist scheiße. Man freut sich die ganze Zeit darauf, sich wieder zu bewegen und dann fühlt es sich ätzend an: man ist langsam, schwerfällig, alles fühlt sich komisch an und man möchte nach fünf Minuten aufhören. In der Phase hilft es mir, ehrlich mit mir selbst zu sein: ich bin dann nicht motiviert. Und es bringt mir nichts, mich daran aufzuhängen.

Was mich weiterbringt ist, es einfach zu machen.

Ich weiß, dass die Form und Fitness wieder zurückkommt und der einzige Weg dahin, ist jeden Tag genau das zu tun, was ich muss, egal wie ätzend und nervig es ist. Und irgendwann macht es ‚Klick‘ – und dein Körper ist wieder on Board. Kennst du den Eiswürfel-Effekt? Man heizt einen Raum, in dem ein Eiswürfel liegt, von -10 Grad auf,  Grad für Grad. Ewig passiert nichts, man sieht gar nichts. Aber bei null Grad schmilzt plötzlich der Eiswürfel. So ist es manchmal auch mit dem Körper. Manchmal trainiert man ewig und man sieht wenige Resultate. Und plötzlich, bei einem Training, einem Lauf macht es ‚klick‘ und es ist, als ob dein Körper es plötzlich kapiert hätte. 

Ich habe Zeiten und Ziele im Kopf, die ich erreichen möchte. Ein Marathon unter 3 Stunden ist in meinem Kopf nur der erste Schritt dorthin. Eine dieser Zeiten steht auf einem Vorhängeschloss, das an einer Brücke in Heidelberg hängt. Ich war vor einem Marathon 2016 dort und ging gerade durch eine schwierige, harte Trainingsphase und hab es damals an diese Brücke gehängt und den Schlüssel mitgenommen. Irgendwann gehe ich dorthin und öffne das Schloss, wenn ich die Zeit gelaufen bin, die drauf steht.

Aber inzwischen sind viele Ziele und Träume dazu gekommen, die meine eigenen ziemlich klein erscheinen lassen. Bewegung ist ein krasses Geschenk und jede/r sollte dafür in irgendeiner Form Raum in seinem Leben finden. Ich studiere inzwischen Sportpsychologie, weil ich lange mit meinem Kopf gekämpft habe (und immer noch kämpfe) und weil ich mir damals gewünscht hätte, jemanden zu haben, der mir sagt, wie es geht.  Wie ich mit meinem Kopf arbeiten kann. Diese Werkzeuge möchte ich anderen geben. Nicht nur Sport, sondern auch in Beruf, in Leidenschaft und Beziehungen. 

Ich liebe das Laufen einfach und den Prozess, darin besser zu werden. Ich lauf eigentlich vor allem Marathon, damit ich eine vernünftige Erklärung dafür hab, 140-160km die Woche zu laufen und nicht verrückt zu sein. Ich genieße das einfach. Für mich bedeutet das Freiheit. ich liebe es zu spüren, wie stark und faszinierend und widerstandsfähig unser Körper ist.